DIARY-LIVE aus dem BLOCK:BAU [30]

12.11. – 19:00
Das war gestern der seltsamste Abend meines Lebens. Jetzt kann man sich durchaus fragen, was wohl das seltsamste sein kann, wenn man in einem ruhigen Gemeindebau mit Hofausblick wohnt. Nun, ich habe immer schon einen Drang zur Zivilcourage verspürt. Mal dort dazwischen gehen, mal dort und ab und zu war es auch mit ein paar Watschen verbunden, wie man es auf Wienerisch sagen würde. Keine so schönen Erinnerungen, aber auch das passiert manchmal.

Also, um die Geschichte von Anfang an zu erzählen: Gestern stand ich beim Fenster und presste dabei meine Beine gegen die warme Heizung. Es war recht kühl, also hatte ich nicht vor, woanders hinzugehen. Vor allem war das Flügelfenster in dem Moment offen. Nun mal, es klingt etwas widersprüchlich, heizen und lüften gleichzeitig, doch 10 Minuten täglich sollten jeden Tag drin sein!
Als ich so da stand und meine Umgebung in der abendlichen Ruhe beobachtete, kamen plötzlich seltsame Geräusche von einem nicht identifizierbaren Winkel.
Ehrlich gesagt, vergass ich es auch recht schnell, drehte die Heizung ab und ging ins Bett. Die Luft war jetzt ganz wunderbar, daher schlief ich innerhalb von wenigen Sekunden ein.

Beim Frühstück, als ich mich an die Umstände des gestrigen Abends erinnerte, ging ich wieder zum Fenster, öffnete es und suchte nach Erklärung. Alles schien ganz unberührt von den morgendlichen Sonnenstrahlen und ich dachte mir nichts weiter.
Zwischen durch war ich bei der Arbeit und kam nachmittags, einige Stunden früher als sonst, nach Hause. Sofort fiel mir auf, dass das eine Fenster oben in der Ecke so aussieht, wie gestern Abend.
Der eine Flügel war nur angelehnt und in der Wohnung brannte das Licht. Eben genauso wie gestern und heute Morgen.
Dann kam mein schneller Entschluss. Ich musste dringend zu unserer Hausbesorgerin um ihr davon zu berichten und sie höfflich zu fragen, ob sie dem Zwischenfall nachgehen könnte.

Um 22 Uhr blieb die Situation unverändert. Das Licht brannte weiterhin, also entschied ich mich selbst nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Ich ging also hoch und erschrak ganz schön beim Anblick des Türknaufs. Es sah so aus, als hätte ich mit meinem kleinen Finger die Tür problemlos öffnen können. Ich konnte kaum glauben, dass Menschen hinter so einem desolaten Eingang nicht Angst haben, ausgeraubt oder sonst was zu werden. Ich packte meinen ganzen Mut zusammen und klopfte an. Nichts. Ich klopfte noch einmal an. Dann hörte ich endlich Schritte. Langsam ging jemand hinter der Tür auf die Eingangstür zu. Rasant ging die Tür auf und ich fand mich komplett fassunglos, wie am Boden angenagelt, in einem Zustand der Panik und absoluter Sprachlosigkeit an einem Ort wieder, an den ich nie nie nie mehr auch nur denken möchte.
Ein ca. 45 jähriger Mann stand direkt vor mir und durch meinen Kopf schossen kreuz und quer Gedanken, wann er das letzte Mal seine Kleidung gewechselt, geschweige geduscht hatte. Seine Haare klebten zusammen und der Ausschnitt seiner Wohnung, die hinter ihm zu erspähen war, war alles nur nicht gewöhnlich. Überall standen Sachen. Schachteln über Schachteln, Müll neben Müll. Der Gedanke, etwas sagen zu müssen, kam immer klarer hervor. Mit weit aufgerissenen Augen und noch immer wie angenagelt kam aus meinem Mund: „Ich habe gestern seltsame Geräusche gehört und machte mir Sorgen um Sie. Ich dachte Ihnen ist was passiert, da Ihr Fenster nicht geschlossen ist und das Licht die ganze Nacht und den ganzen Tag brannte.“ Er murmelte nur nuschelnd daher, dass ich es mir wahrscheinlich einbildete, denn er hörte gestern nichts Ungewöhnliches. Ich rief nur schnell: „OK!“ aus und machte in einer bei mir äußerst ungewöhnlichen Geschwindigkeit Abgang!
Seither weiß ich, dass man seine Nachbarn, die man als sauber, nett und freundlich empfindet wirklich schätzen sollte, und dass es auch nicht selbstverständlich ist, irgendwo am Stockwerk anzuläuten um Mehl auszuborgen. Und vor allem, schätze ich jetzt auch meine Parfumwolke Nachbarin! Liebe Grüße ins dritte Stockwerk!

by Monika Kanokova

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